Eröffnung der neuen Gedenkstätte Ahlem

Ana und Gerardo Rosenhain zusammen mit der Gedenkstättenleiterin Stefanie Burmeister (Foto: Jens Meier)
Ana und Gerardo Rosenhain zusammen mit der Gedenkstättenleiterin Stefanie Burmeister (Foto: Jens Meier)

 

"Feierliche Eröffnung der neuen Gedenkstätte Ahlem. Ana und Gerardo Rosenhain aus Buenos Aires sind Ehrengäste"

 

Die neue Gedenkstätte Ahlem ist am 25. Juli 2014 feierlich eröffnet worden. Nach siebenjähriger Planung bzw. konzeptioneller Entwicklung sowie eineinhalbjähriger Bauphase, verwandelte sich das Grundstück der ehemaligen Israelitischen Gartenbauschule in ein innovatives und überregional bedeutendes Informations-, Bildungs- und Gedenkzentrum. Dieser bemerkenswerte Ort bezeugt neben jüdischer Kultur und Zuversicht, die spätere Ausgrenzung, Verfolgung und Vernichtung. Im Zentrum der Ausstellung stehen dabei "die Menschen, deren persönliches Schicksal mit Ahlem verbunden ist." (Regionspräsident Hauke Jagau)

 

Seit 1893 erlernen jüdische Mädchen und Jungen an der Heisterbergallee Handwerks- und Gartenbauberufe. Ab 1941 missbrauchen die Nazis die Gartenbauschule als Sammelstelle für Deportationen. Im "Polizei-Ersatzgefängnis" werden politische Häftlinge, Zwangsarbeiter und Sinti und Roma gefoltert und ermordet.

 

Das ehemalige Direktorenhaus wurde kernsaniert sowie um ein gläsernes Foyer ergänzt. Die Gestaltung des Außenbereichs orientiert sich am alten Schulgarten. Die Kosten der Neugestaltung betragen gut 6 Millionen Euro. Träger sind die Region Hannover sowie Förderpartner. Auf vierhundert Quadratmeter Ausstellungsfläche werden Texte und Fotos auf Wänden, Informationsstehlen und Bildschirmen (Interviews mit Zeitzeugen) präsentiert.

 

Das erste Obergeschoss widmet sich der Diskriminierung und Verfolgung während der NS-Zeit. Das zweite Obergeschoss zeigt die Geschichte des deutsch-jüdischen Lebens der von dem Bankier Moritz Simon gegründeten Gartenbauschule - im Zeitraum von 1893 bis 1942 sowie nach der Befreiung 1945. Im Sockelgeschoss befindet sich ein vielseitig nutzbarer Veranstaltungsraum. Das Erdgeschoss bietet eine Mediathek. Das Dachgeschoss kann für Seminare genutzt werden.

 

"Fragen, entdecken, verstehen" lautet das Motto des pädagogischen Angebots. Es spannt einen weiten Bogen: von kurzen Führungen über mehrtägige Workshops bis hin zu eigenständigen Projekten. Ab dem Schuljahr 2014/15 können Schulklassen/-gruppen sowie deren Lehrkräfte entsprechend begleitet werden.

 

Am Eröffnungsfestakt nahmen vierhundert geladene Gäste teil, darunter etwa achtzig Ehrengäste: Überlebende des Holocaust (ehemalige Schüler der Gartenbauschule) sowie ihre Angehörigen aus Polen, den USA, Israel und Argentinien. Dank des persönlichen Engagements der Gedenkstättenleiterin Stefanie Burmeister konnten so auch Ana und Gerardo Rosenhain aus Buenos Aires die Veranstaltungen besuchen.

 

Gerardos Vater Heinz Rosenhain, 1920 in Stadtoldendorf geboren, besuchte die Israelitischen Gartenbauschule (1935-39), wurde im Dez. 1942 (von Ahlem aus) ins Ghetto Riga deportiert und Anfang 1945 vom Schwedischen Roten Kreuz im KZ Kiel-Hassee befreit. 1950 emigrierte Heinz zusammen mit Ehefrau Cläire und Sohn Gerardo nach Argentinien. Im Gedenken an sein Schicksal, erhielt Heinz Rosenhain im März 2014 einen "Stolperstein" in der Stadtoldendorfer Fußgängerzone (Teichtorstraße 3).

 

Der Festakt begann mit zahlreichen Grußworten (OB Stefan Schostock, Barbara Traub, Zentralrat der Juden in Deutschland) und Ansprachen. Regionspräsident Hauke Jagau stellte umfassend die Historie und die Intention der Gedenkstätte vor.

 

Michael Fürst (Vorsitzender des niedersächsischen jüdischen Landesverbandes) thematisierte den aktuellen "Israel/Gaza"-Konflikt und verwies darauf, dass es diesbezüglicher Demonstrationen in Hannover keinerlei Probleme gebe. Fürst stellte fest, dass man selbstverständlich die israelische Regierung kritisieren dürfe. Dies müsse man auch aushalten! Nur beleidigen, sich gegenseitig beleidigen, dies dürfe man nicht!

 

Manfred Böhmer vom Niedersächsischen Verband Deutscher Sinti hielt eine sehr persönliche Rede. Zeit seines Lebens wären er und seine Familie diskriminiert worden - bis heute. Das könne er zwar aushalten, was er aber nicht aushalten könne, sei, dass die Vergangenheit verdrängt und geleugnet werde.

 

Der Historiker Dr. Peter Longerich gab einen kurzen Einblick in seine Antisemitismusforschung: Untersuchungen der damaligen (lokalen) Presse hätten ergeben, dass die entsprechenden Zeitungsartikel nur lesbar gewesen wären, wenn man gewusst habe, dass die jüdische Bevölkerung ermordet werden sollte bzw. wurde.

 

Gerda Steinfeld, Zeitzeugin und Überlebende des KZ Theresienstadt, schilderte mit fester Stimme ihr Schicksal und offenbarte in wenigen Worten die Barbarei der Nazis.

 

Ernest Wertheim, 94, ehemaliger Gärtnerlehrling, heute in den USA lebend, verdeutlichte, wie wichtig es für ihn damals gewesen sei (nach dem Schulverbot), überhaupt etwas lernen zu können. Ahlem sei wegweisend gewesen, wissbegierig durchs Leben zu schreiten. Er sei daher unendlich dankbar für die Möglichkeiten, die ihm hier eröffnet worden seien.

 

Die Begegnungen mit den Holocaustüberlebenden und ihren Angehörigen waren einzigartig, sehr bewegend und sind selbstverständlich unvergesslich.

 

Die Region Hannover hatte die achtzig Ehrengäste für eine Woche (22. bis 28 Juli) zur Gedenkstätteneröffnung nach Hannover eingeladen, inklusive der Übernahme aller Reise- und Hotelkosten. Es gab ein umfassendes "Rahmenprogramm": u.a. Maschseerundfahrt, Besichtigung der Marienburg, Stadtrundfahrten, Konzert beim NDR, Einladungen zum Dinner (beim OB), Bankett, Besuch der jüdischen Gemeinden, Besuch der jüdischen Friedhöfe, Shabbath (gemeinsames, koscheres Essen im Hotel).

 

Alle Ehrengäste logierten in einem zentral in der Innenstadt gelegenen Hotel. Fast "rund um die Uhr" begleitet und unterstützt wurden die meist hoch betagten Überlebenden von Schülern der Tellkampfschule (im Alter von 14 bis 16 Jahren) und vom Team der Gedenkstätte. Dieses Miteinander, dieser Austausch, diese Nähe, das Zuhören, das unmittelbare Nachfragen-Können bzw. das direkte Erfahren war für die Beteiligten ein unbeschreibliches Erlebnis, ein unbeschreiblicher Gewinn - für die Ehrengäste wie auch für die Begleiter, vor allem aber für die Schüler. So entstanden Freundschaften und der Blick in die Zukunft stimmt hoffnungsvoll.

 

Als Fazit mögen Anas Worte dienen, die mir nach der Rückkehr nach Buenos Aires Folgendes schrieb: "Ich sitze hier am Computer und denke, die letzte Woche muss ein Traum gewesen sein. Wir sind wieder zuhause und wirklich sehr glücklich! Alles verlief so angenehm. Die Menschen in Ahlem waren so warmherzig, die Gäste waren derart interessiert und aufgeschlossen, so dass wir glauben, nie wieder so eine Reise erleben zu können. Wir haben so viele Geschichten gehört, Geschichten über das Leben, über die Liebe und über den Schmerz. Ich würde gern ein Buch darüber schreiben."

 

Die unvergesslichen und einmaligen Momente mit den Überlebenden und ihren Angehörigen haben auch mich tief bewegt. Es war (für mich) sicher die allerletzte Chance, persönlich mit Zeitzeugen in Kontakt treten zu können. Auch bin ich sehr, sehr dankbar, dass ich Ana und Gerardo in Ahlem wiedersehen konnte. Daher möchte ich auch an dieser Stelle der Gedenkstättenleiterin Stefanie Burmeister nochmals herzlich danken!

 

© Jens Meier, August 2014

 

 

 

Die Gedenkstätte Ahlem, Heisterbergallee 10, 30453 Hannover, ist zu folgenden Zeiten für Besucher geöffnet: Di. und Mi. 10-17 Uhr, Do. 10-19 Uhr, Fr. 10-14 Uhr, So. 11-17 Uhr. Mo., Sa. und an Feiertagen geschlossen. Der Eintritt ist frei.

Weitere Informationen unter: http://www.gedenkstaette-ahlem.de/   

 

 

 

 

Ana, Jens, Gerardo (Foto: Stefanie Burmeister)
Ana, Jens, Gerardo (Foto: Stefanie Burmeister)
Gedenkstätte Ahlem (das ehemalige Direktorenhaus der Israelitischen Gartenbauschule) (Foto: Jens Meier)
Gedenkstätte Ahlem (das ehemalige Direktorenhaus der Israelitischen Gartenbauschule) (Foto: Jens Meier)
Eingang Rückseite (Foto: Jens Meier)
Eingang Rückseite (Foto: Jens Meier)
Außenanlage mit Blick auf die "Wand der Namen" (Foto: Jens Meier)
Außenanlage mit Blick auf die "Wand der Namen" (Foto: Jens Meier)
Außenanlage (Foto: Jens Meier)
Außenanlage (Foto: Jens Meier)
Foyer (Foto: Jens Meier)
Foyer (Foto: Jens Meier)
ehemaliger Standort der Laubhütte, von 1944-45 Hinrichtungsstätte von Zwangsarbeitern (Foto: Jens Meier)
ehemaliger Standort der Laubhütte, von 1944-45 Hinrichtungsstätte von Zwangsarbeitern (Foto: Jens Meier)
"Hier stand bis zum 8. April 1945 die Laubhütte der Isrealitischen Gartenbauschule. An dieser Stelle wurden 1944-45 italienische, polnische und sowjetische Zwangsarbeiter hingerichtet" (Foto: Jens Meier)
"Hier stand bis zum 8. April 1945 die Laubhütte der Isrealitischen Gartenbauschule. An dieser Stelle wurden 1944-45 italienische, polnische und sowjetische Zwangsarbeiter hingerichtet" (Foto: Jens Meier)
Tafel (Außengelände) (Foto: Jens Meier)
Tafel (Außengelände) (Foto: Jens Meier)
Foto: Jens Meier
Foto: Jens Meier
Foto: Jens Meier
Foto: Jens Meier
Foto: Jens Meier
Foto: Jens Meier
Foto: Ana Gunsberg
Foto: Ana Gunsberg
Foto: Jens Meier
Foto: Jens Meier
Foto: Jens Meier
Foto: Jens Meier
Foto: Jens Meier
Foto: Jens Meier
Foto: Jens Meier
Foto: Jens Meier
Gerardo lauscht dem Interview von Henny Simon     (Foto: Jens Meier)
Gerardo lauscht dem Interview von Henny Simon (Foto: Jens Meier)
Gerardo entdeckt seinen Vater Heinz Rosenhain (mittleres Foto: "Zum Abschied von Heini...")  (Foto: Jens Meier)
Gerardo entdeckt seinen Vater Heinz Rosenhain (mittleres Foto: "Zum Abschied von Heini...") (Foto: Jens Meier)
Heinz Rosenhain (1920-2009)
Heinz Rosenhain (1920-2009)