Rede zur Benennung des Synagogenplatzes nach Ephraim Rothschild: 09. November 2015

 

 

"Meine sehr geehrten Damen und Herren,

 

heute, genau vor 77 Jahren - die Zeitspanne eines Menschenlebens - und genau zu dieser Uhrzeit befand sich an diesem Ort eine noch unberührte, unbeschädigte Synagoge. Sie füllte fast den gesamten Platz aus, ihr Eingang lag etwas erhöht am Küselbrink. Kreisbaumeister Haarmann hatte die Synagoge entworfen, ein bescheidener Fachwerkbau mit gotischen Fenstern. 1853 konnte Landesrabbiner Herzfeld die Synagoge einweihen, das Grundstück stiftete zuvor Ephraim Rothschild. Er half auch ihre Finanzierung (zu) sichern und war zeitweilig ihr Gemeindevorsteher.

 

Heute, genau vor 77 Jahren, nur ein paar Stunden später, wird eben jene Synagoge geschändet. Sie brennt teilweise aus, ihr Innenleben wird zerstört, viele Fensterscheiben bersten oder werden später herausgeschlagen. Das Feuer wird rechtzeitig gelöscht, um die unmittelbar angrenzenden Häuser nicht zu gefährden.

Die Ruine gilt fortan als Schandfleck - nicht als Mahnmal - und wird erst im Sommer 1939 auf Abbruch verkauft.

Ihre Baupläne sind inzwischen längst verschwunden, es gibt keine Fotos, keine Zeichnungen vom Inneren. Die Thorarollen lässt Dr. Bahrs, Allgemeinmediziner und Heimatmuseumsleiter in Personalunion - und vieles Weitere mehr - "sichern"; 1958 werden sie an den jüdischen Landesverband zurückgegeben. Die kostbaren Leuchter hingegen, die hochwertigen Vorhänge, die Kultgegenstände… und die kleine Orgel? wer hat sie damals "gesichert"? und wo befinden sie sich heute?

 

Heute, genau vor 77 Jahren, vor Schändung der Synagoge sind bereits die meisten jüdischen Mitbürger all ihrer Illusionen beraubt. Menschenverachtend deklarieren die Nationalsozialisten eine Religion zur Rasse; eine Minderheit wird so zum Sündenbock degradiert.

 

Ihnen allen sind ganz sicher die Diskriminierungen, die Entrechtungen bekannt.

 

Ich nenne trotzdem ein paar Stichworte: April 1933: Boykott jüdischer Geschäfte, "Wiederherstellung des Berufsbeamtentums", Ausschluss nicht arischer Lehrer, Ausschluss nicht arischer Ärzte, Einführung der "Arierparagraphen", beispielsweise auch in Sport- und Turnvereinen: Kurt Wallhausen, der überregional bekannte Vorturner, Mitglied im Beirat des TV 1887, muss umgehend den Verein verlassen, im Mai 1933: Bücherverbrennung, 1935: Ankündigung der Rassentrennung in Volksschulen… Heinz Rosenhain, einer der besten Schüler, muss die Mittelschule verlassen, er besucht nun - wie viele - die Israelitische Gartenbauschule in Ahlem - in der Hoffnung auf einen gewissen Schutz, auf eine Perspektive, auf ein "normaleres" Leben.

Elisabeth und Kurt-Heinz Matzdorf verlassen das Holzmindener Gymnasium: denn sie müssen eines Morgens lesen: "Juden sind hier unerwünscht", beide leben dann in Berlin, 1939 können sie dank eines "Kindertransportes" nach England emigrieren.

1935: Nürnberger Gesetze, Aberkennung des Wahlrechts, 1936 Verbot von Versammlungen: somit auch Verbot der Gottesdienste in den Synagogen, im August 1937 werden die Gesellschafter der Weberei A.J. Rothschild Söhne - wegen "Devisenvergehens" - verhaftet: u.a. Richard Wolff, Wilhelm Matzdorf und Joseph Schoenbeck. Auf den Prozess in Untersuchungshaft wartend, wird die Weberei im April 1938 "arisiert" (ein merkwürdiges deutsches Wort für geraubt): der Kaufpreis beträgt 750.000 RM, der reale Wert beträgt mindestens das Zehnfache! Das Geld wird auf einem Sperrkonto "geparkt" (besser: gestohlen), die Gesellschafter erhalten nicht einen Pfennig. Im Gegenteil: sie verlieren innerhalb weniger Monate ihren gesamten Besitz.

Im August 1938 fällt das Sondergericht das Urteil: Haftstrafen von über einem Jahr und sehr hohe Geldstrafen. Noch gibt es Hoffnung, die Haft in Hameln zu überstehen und vorzeitig entlassen zu werden.

Sommer 1938: Entziehung der Gewerbescheine: viele jüdische Familien werden nun mittellos, sie verarmen vollständig - die Gesellschafterfamilien versuchen dies irgendwie aufzufangen; sie helfen, wo sie können (z.B. mit Lebensmitteln, Geldzuwendungen, Übernahme des Schulgeldes). An dieser Stelle sei aber auch ausdrücklich der Rechtsanwalt Max Abels genannt.

Ebenfalls Sommer 1938: Ankündigung: Einführung der Kennkarte, Ankündigung der Einführung von Zwangsvornamen "Sara" und "Israel" ab Januar 1939. Im Stadtoldendorfer Adressbuch lassen sich bereits 1938 die Zwangsnamen: "Sara" und "Isidor" finden.

 

Heute, genau vor 77 Jahren, in wenigen Stunden, stirbt die Hoffnung - endgültig.

 

In der winterkalten Nacht werden 13 Mitbürger verhaftet; zwölf werden ins Konzentrationslager Buchenwald verschleppt. Aufgrund seines Alters, er ist bereits 83 Jahre alt, entlässt man den Rabbiner Salomon Braun in Holzminden. Salomon Braun stirbt im Juni 1940 in Hannover.

Das Konzentrationslager ist auf die unzähligen Deportierten bewusst nicht vorbereitet. Das Elend ist unbeschreiblich. Buchenwald dient der Demütigung, der Entmenschlichung und der Erpressung. Denn letztes Hab und Gut gehen hier verloren bzw. finden neue "Eigentümer". Nur, wer erklärt, umgehend zu emigrieren, hat die Chance auf Entlassung.

 

Salomon Brauns Sohn Arthur, ein 42-jähriger (kriegsbedingt) Invalide, wird im Dezember 1938 dort entlassen und drei Jahre später gleich bei der Ankunft im Ghetto Riga erschossen.

 

Paul Heinberg, 43 Jahre alt, Kaufmann, kann Buchenwald im Dezember verlassen. Er wird im Ghetto Warschau oder in Treblinka ermordet.

 

Paul Jacobson, der 59-jährige Prokurist der Weberei A.J. Rothschild Söhne, wird nach drei Wochen wieder entlassen, er überlebt dank so genannter "privilegierter Mischehe" und verstirbt 1961 in Fulda.

 

Theodor Lichtenstein, 35 Jahre alt, Kaufmann, wird nach wenigen Wochen wieder entlassen und kann im Juli 1939 nach England emigrieren.

 

Julius Rosenhain, der 53-jährige Kaufmann, wird im Dezember entlassen. Er wird im Ghetto Warschau oder in Treblinka ermordet.

 

Julius Rothenberg, 55 Jahre alt, gleichfalls Kaufmann, teilt Rosenhains Schicksal.

 

Hermann Schartenberg, 39 Jahre alt, auch Kaufmann, wird im Dezember 1938 entlassen. Ein Jahr später emigriert er in die USA und stirbt dort 1947.

 

Albert Schoenbeck ist 28 Jahre alt, Kaufmann. Ihm gelingt die direkte Emigration am 16. November nach Costa Rica.

 

Julius Stein, der 51-jährige Kaufmann, wird auch im Dezember 1938 entlassen. Er wird im Ghetto Warschau oder in Treblinka ermordet.

 

Dr. Heinrich Ullmann, der 31-jährige Diplom Volkswirt, ist luth. Glaubens und wird im Dezember 1938 entlassen.

Im Juni 1939 kann er über Luxemburg nach Argentinien emigrieren. 1991 stirbt er in Buenos Aires.  

 

Kurt Wallhausen ist 30 Jahre alt und Kaufmann. Er wird erst im Januar 1939 aus Buchenwald entlassen. Kurt wird im Ghetto Warschau oder in Treblinka ermordet.

 

(Kurts Vater) Theodor Wallhausen, der 66-jährige Zigarrenhändler, wird nach wenigen Wochen entlassen.

Er stirbt im Februar 1943 im Ghetto Theresienstadt.

 

Die Verstörung, das Entsetzen, ja die nackte Angst der betroffenen Familien können Sie sicher nachvollziehen, als die Männer aus Buchenwald kahlgeschoren nach Stadtoldendorf zurückkehren und über ihre Qualen berichten! Die Freude über das Wiedersehen wehrt nur kurz. Nur sehr wenige sind inzwischen tatsächlich emigriert oder haben ihre Emigration vorbereitet. Manche suchen Schutz in der Anonymität der Großstädte. Wer vorsorglich rechtzeitig einen Reisepass beantragt hatte, glaubt sich trügerisch in Sicherheit. Aber die Willkür und die Macht der Gestapo sind grenzenlos und nie einschätzbar! Fieberhaft werden nun Konsulate, Behörden, Ansprechpartner aufgesucht; Familienmitglieder, die sich bereits im sicheren Ausland befinden, kontaktiert, mit der Bitte um Hilfe bei der Ausreise, mit der Bitte um finanzielle Unterstützung.

Mit Ausbruch des Krieges verschlimmert sich die Lage dramatisch. Ständig gibt es neue, unzählige einschränkende "Gesetze": Verbote, Reglementierungen aller Art… Bezugsscheine, die ihren Namen nicht wert sind: beispielsweise wird der Bezug von Seife verboten, es folgt die Einstellung der Versorgung mit Eiern, Milch, Fleisch… Zwangsveräußerungen aller Art bzgl. Grundeigentum, Wertpapieren, Schmuck… evtl. Mieteinnahmen, evtl. Vermögen müssen auf Sperrkonten eingezahlt werden. Verbot von Rundfunkgeräte, Fahrrädern, Telefonen, Schreibmaschinen, Fotoapparaten, Ferngläser, Verbot der Benutzung öffentlicher Verkehrsmittel, Verbot von Kinobesuchen, Verbot von Haustieren, von Zeitungen (so wird beispielsweise Julie Ullmann verboten, weiterhin ein Gartenjournal zu beziehen)… einfach alles wird nun verboten.

Die Gestapo bestimmt, dass die Gesellschafter Wilhelm Matzdorf und Richard Wolff nach Verbüßung ihrer Haftstrafen in Schutzhaft zu nehmen sind. Beide werden im Konzentrationslager Sachsenhausen sterben: Richard Wolff 1940, Wilhelm Matzdorf 1942. Joseph Schoenbeck kann sein Leben retten, einem Wunder gleich, gelingt ihm und seiner Familie tatsächlich noch die Emigration - trotz Emigrationsverbotes für die Dauer des Krieges (im Okt. 1941). Ihre Immobilien, ihre Vermögen werden "arisiert".

Niemand weiß bis heute, wo beispielsweise der Flügel, wo die zeitgenössische Kunst, wo Persönliches "sichergestellt" worden ist!

Ab September 1941 müssen jüdische Mitbürger den Stern tragen! Drei Monate später, im Dezember, erfolgt die erste Deportation von Hannover (aus) ins Ghetto Riga: Hilde Stern, Leo und Hermann Fröhlich werden dort ermordet, Heinz Rosenhain überlebt dank der Rettungsaktion des Schwedischen Roten Kreuzes und emigriert später nach Argentinien.

Zwei Stadtoldendorferinnen werden Opfer der Tötungsaktion "T4" (der "Euthanasie"-Morde): die systematische Ermordung von geistig und körperlich Behinderte - selbst eine Depression oder einfach eine Exhaltiertheit kann so tödlich enden.

Erna Rosenhain wird im Alter von 76 Jahren im September 1940 in der Tötungsanstalt Brandenburg, Alice Matzdorf, geb. Frank, 45-jährig, 1941 als eines der ersten Opfer in der Tötungsanstalt Hadamar ermordet (also vergast).

Im März 1942 werden die Familien Löwenstein (darunter die Kinder Helmut [11 Jahre alt], Margot [14], Ernst [16 Jahre alt]), die Familien Wallhausen, Rothenberg, Stein, Julius Rosenhain und Paul Heinberg aus Stadtoldendorf über Hildesheim und Hannover - es gibt im Hildesheimer Archiv einen Film über die Ankunft dort - ins Ghetto Warschau deportiert. Sie sterben dort oder in Treblinka - ganz normale Menschen: Mütter, Väter, Kaufleute, Hausfrauen, eine Schneidermeisterin, ein Landwirt und drei Schüler.

Im Mai 1942 wird ihr Besitz öffentlich in Stadtoldendorf versteigert: Möbel, Haushaltsgegenstände, Bettwäsche… alles ist akribisch erfasst (worden). Die Verantwortlichen wundern sich, die Versteigerung ist für drei Tage geplant, aber bereits nach wenigen Stunden ist alles "ausverkauft": darunter ein Ehering, Taschentücher, Besteck, Kinderunterwäsche, Kinderspielzeug…

wer hat was ersteigert und wo lässt es sich finden?

heute immer noch in Stadtoldendorf?

Vier Monate später, im Juli 1942, wird Julie Ullmann, geb. Sander, im Alter von 62 Jahren ins Ghetto Theresienstadt verschleppt, knapp zwei Jahre später wird sie in Auschwitz ermordet. Die jüdische Gemeinde hört auf zu existieren.

Vor Ort leben nun nur noch jene, die durch ihren nicht jüdischen Partner geschützt sind, sofern sich dieser nicht scheiden lässt oder verstirbt. Elisabet Abels, geb. Ullmann, und Elisabeth Zelms, geb. Fröhlich, sind ev. luth. getauft und somit Christen - für die Nationalsozialisten zählt das nicht! Im Februar 1945 werden beide ins Ghetto Theresienstadt deportiert, sie überleben das Kriegsende: Frau Abels stirbt an den Folgen der Haft im Juli 1945 in Göttingen, Frau Zelms kehrt nach Stadtoldendorf zurück und lebt hier bis zu ihrem Tod im Jahr 1960. Es gibt Schwierigkeiten, sie auf dem christlichen Friedhof, Braaker Straße, beerdigen zu lassen!

 

30 Mitbürger jüdischen Glaubens, die während der NS-Zeit in Stadtoldendorf lebten, werden Opfer des Holocaust. Mitbürger jeden Alters und jeder "Gesellschaftsschicht": Junge, Alte, "Große", "Kleine", Menschen mit Träumen, Wünschen, Hoffnungen, mit dem Recht auf Leben, auf Zukunft, mit dem Recht ein selbstbestimmtes Leben zu führen, mit dem Recht auf Freiheit und Selbstverwirklichung - all das haben die Nationalsozialisten ihnen genommen!

(Heute, genau vor 77 Jahren - fünf Jahre zuvor und sieben Jahre danach!)

Ich weiß, die wenigen Worte können ihrem Schicksal nicht gerecht werden. Ein Schicksal, das unvorstellbar bleibt.

 

Heute, genau vor 201 Jahren, im Jahr 1814, ist Ephraim Rothschild sechs Jahre alt, er hat zwei ältere Schwestern, Fanny und Friederike; Schwester Rebecca ist schon verstorben. Seine Familie lebt in Merxhausen. Der Vater Abraham Joseph betreibt dort einen Manufakturwarenhandel, die Mutter Marianne, geb. Berg, stirbt fünf Jahre später, bei der Geburt ihres achten Kindes. Aus einer zweiten Ehe gehen zwei weitere Kinder, Samson und Jonas, hervor. Die Familie lässt sich in direkter Linie auf den bekannten Rabbiner Joseph aus Metz, der später in Frankfurt a.M. und Stadthagen wirkte, zurückführen.

 

Vor 201 Jahren, am 24. Dezember, brennt der Rothschildsche Familiensitz samt Warenlager fast vollständig aus; Ursache ist ein Feuer im Stall eines angrenzenden Grundstückes. Kleidung, Wäsche, etwas Silbergeschirr und die Geschäftsbücher können aber gerettet und sogar eine Kiste mit 2.500 Talern aus dem Fenster geworfen werden. Die werten Nachbarn bedienen sich.

 

Anfang Januar 1815 zieht die Familie nach Stadtoldendorf, zunächst in die Baustraße: dort wird umgehend, dank der geretteten Ware, eine An- und Verkaufstelle für Garne und Stoffe eröffnet. Der Neuanfang gelingt, denn Abraham Rothschild ist eine geachtete Person; zudem bedient er fristgerecht all seine Verbindlichkeiten, was zusätzlich Vertrauen schafft; Freunde, Wohltäter helfen mit Geldzuwendungen oder gewähren Kredite.

Die Geschäfte florieren, so dass eine Häuserzeile im Kükenschnipp (dort, wo sich heute der Parkplatz befindet) gekauft werden kann. Dank Renovierung entsteht ein modernes Ladengeschäft.

Ephraim erhält zunächst Privatunterricht; jüdisches Wissen, hebräische Grundkenntnisse vermittelt ihm ein polnischer Lehrer. Erst im Alter von elf Jahren besucht er die Bürgerschule, allerdings nur für zwei Jahre, denn der Vater will und kann auf Ephraims Hilfe im Geschäft nicht verzichten.

 

Ephraim erlernt dort das Handwerk des Kaufmanns: er schnuppert überall hinein: hilft im Büro, im Lager, erlernt die Buchführung, erlangt Menschenkenntnis, Verhandlungsgeschick, das Wissen um die richtige Kundenbetreuung. Sein Lebensmittelpunkt ist das Geschäft. Darüber hinaus bleibt Ephraim nichts anderes übrig, als sich autodidaktisch fortzubilden, denn sein Wissensdrang scheint unendlich. Er hätte gern, wie sein jüngerer Bruder Joseph, das Gymnasium besucht. Eine akademische Karriere bleibt ihm aber verwehrt. Als "Entschädigung" begleitet er seinen Vater zu den Messen in Braunschweig, Hannover und Leipzig. Wichtige Kontakte können hier geknüpft und gefestigt, neue Erfahrungen - nicht nur fachspezifischer Natur - gemacht werden. Das Großstadtleben beeindruckt Ephraim; er liebt die Oper - vor allem den "Freischütz".

1837, im Alter von 29 Jahren, wird Ephraim Teilhaber im Geschäft seines Vaters. Abraham zieht sich aus Altersgründen und der zunehmenden Sehbehinderung zurück: die Firma heißt nun "A.J. Rothschild Sohn". Unmittelbar nach dem Tod des Vaters kehrt Bruder Joseph, der die Kölner Filiale betreut, kurzzeitig nach Stadtoldendorf zurück. Fortan heißt die Firma "A.J. Rothschild Söhne". Doch Stadtoldendorf ist Joseph inzwischen viel zu eng geworden, Ephraim muss ohne ihn planen.

1839 heiratet Ephraim seine Jugendliebe Julie Hallenstein. Er ist nun Vorsteher der örtlichen jüdischen Gemeinde.

Und obwohl Ephraim durchaus Kritik an veralteten Kultformen des Gottesdienstes übt, bleibt seine Glaubenshaltung orthodox. Er fühlt sich als deutscher Patriot; er weiß aber, der Weg zur wahren Emanzipation wird noch sehr steinig sein. Da die Ehe kinderlos bleibt, nehmen Julie und Ephraim drei Nichten (Rosa, Philippe und Julie) auf. Der Familiensitz ist nun zu klein. 1855 werden die alten Häuser abgerissen und ein Jahr später wird der neue Massivbau, ein Entwurf des Kreisbaumeisters Watermann, bezogen.

Drei Jahre später ersteigert Ephraim das Rittergut von Hake. Der Magistrat hatte ihn darum gebeten, gegen den Gutsherren von Campe zu bieten, da nur so die Interessen bzw. die Existenz der hiesigen Klein-Pächter gewahrt werden können. Vereinbart ist, dass jene im Anschluss ihre kleinen Parzellen zurückkaufen. Doch der Rückkauf bleibt aus, unvermittelt ist Ephraim nun Rittergutsbesitzer. Unerfahren in Landwirtschaft, ist er auf der Suche nach einem geeigneten Fachmann bzw. Verwalter: er findet ihn in Carl Ullmann. Das "Rittergut Rothschild" hat jedoch keine große Zukunft, denn der auf ungenutzten Fluren gefundene Sandstein und Gips ist abbaubar und führt zur Gründung der Firma "E. Rothschild, Sollinger Sandstein- und Gipsbruch". Der Bau der Eisenbahnstrecke Holzminden/Kreiensen füllt und überfordert die Auftragsbücher: der Steinbruchbetrieb muss ständig erweitert werden; laufend werden neue Arbeitskräfte eingestellt.

Die fertige Bahnstrecke fördert den Gipsabbau: der Transport ist nun rentabel: Estrich- und Düngegips können endlich gewinnbringend produziert werden. Doch plötzlich scheint die Firma in ihrer Existenz bedroht: Kreisbaumeister Watermann, Pächter des städtischen Steinbruchs im Hoop, und vor kurzem noch "Architekt des Vertrauens", verlangt, dass die Stadt gegen Ephraim klagt: die Stadt besäße das alleinige Steinbruchrecht und der Rothschildsche Bruch behindere den Verkehr zum und vom städtischen Bruch. Der Prozess dauert gut 1 ½ Jahre; der Steinbruch wird stillgelegt. Ephraim erhebt Widerklage und gewinnt. Die Stadt wird verpflichtet eine Entschädigung zu zahlen, auf die Ephraim jedoch verzichtet.

1869 erwirbt Ephraim die Eckhardsche Mühle. Er erkennt ihr Potenzial als idealer Standort für eine mechanische Weberei: zentral in der Stadt, in der Nähe des Bahnhofes gelegen, mit Wasseranschluss dank Teich und Eberbach.

Der Plan wird jedoch nicht umgesetzt, stattdessen zieht sich Ephraim bewusst aus dem Tagesgeschäft zurück; er und sein Bruder Joseph treten aus der Firma "A.J. Rothschild Söhne" aus. Das Geschäft in Stadtoldendorf übernimmt Ephraims Schwager Adolf Wolff, der zugleich eine neue mechanische Weberei aufbauen soll. Die Ehemänner der drei Nichten werden Teilhaber des Steinbruch- und Gipswerkes.

 

Ephraim scheint die Zeit als Privatier - selbst im hohen Alter - zu genießen: er besucht viele Kongresse, nimmt an bedeutenden Gesellschaften teil, bringt sich ein, beschäftigt sich mit Volkswirtschaft. Er reist mit der Postkutsche und wohnt bei seinem Bruder Joseph in Köln. Sein Geist ist wach und seine Ideen scheinen visionär: Ephraim verfasst manche Denkschrift: 1873:  "Die Vorteile der Verstaatlichung aller deutschen Privateisenbahnen" (ein Exemplar wird an Bismarck verschickt); 1876: "Über die Vorzüge des Freihandels", 1894 (im Alter von 86 Jahren): "Rationelle Wasserwirtschaft am Beispiel der Anlage von Talsperren".

Als Ehefrau Julie 1876 verstirbt, heiratet er ein zweites Mal.

 

Zwischen 1893 bis 1898 verfasst Ephraim sein Tagebuch. Beim Lesen darin lernen Sie Ihn als einen sich stets sorgenden und kümmernden Familienpatriarchen, als einen allseits Interessierten - an Technik und Naturwissenschaft -, als einen politisch Liberalen kennen. Detailliert beschreibt Ephraim die unzähligen Familienzweige, die Liebe zu seinen älteren Schwestern, die ihn - wie auch die Tante Zippora - prägen, die Liebe zu seinem Bruder Joseph, dem er oft, trotz besseren Wissens, folgt. Selbstkritisch gesteht Ephraim manche Niederlage und Fehleinschätzung. Er entdeckt die Naturheilkunde, bevorzugt Kaltwasserkuren, noble Hotels und vegetarisches Essen. Der Zeitgeist wird beschrieben - die Reisen zu Fuß, mit dem Pferd, mit der Kutsche und mit der Eisenbahn. Ephraims Weitsicht und Gedanken beeindrucken.

 

Dankeswerterweise hat Herr Ulrich Abels diese handschriftlichen, in deutscher Schrift verfassten Aufzeichnungen 2010 für spätere Generationen in lesbarer Form herausgegeben - ein Ausleihexemplar lässt sich ganz sicher in der Stadtbücherei finden. Vieles aus diesem Tagebuch habe ich verwandt - es ist also ein Selbstzeugnis Ephraims.

 

Vor 114 Jahren stirbt Ephraim Rothschild am 30. Januar 1901 im Alter von 92 (Jahren). Er kann auf ein erfülltes Leben zurückblicken. Ephraim Rothschild ist - nicht nur in Stadtoldendorf - eine hochgeachtete Persönlichkeit! 

Er ist zu Recht stolz auf das Erreichte; er weiß, das Haus ist bestens bestellt und viele Wege sind für die Nachfolger bereitet. Ephraim Rothschild fertigt das Fundament namens Zukunft, fertigt das Fundament der nun folgenden Blütezeit Stadtoldendorfs.

 

Die Weberei "A.J. Rothschild Söhne" wird zum industriellen Großbetrieb, zum größten Arbeitgeber im Landkreis. Vor allem Max Levys Ideen sind genial.

1904 erfolgt die Herstellung von baumwollenen Futterstoffen und Satin. Die Weberei erhält eine mustergültige Färberei und Stadtoldendorf in diesem Kontext eine neue Wasserleitung (reines, weiches Wasser), eine neue Kanalisation und ein Gaswerk. Die Vollendung der Echtfärbung von Baumwollgewebe (die so genannte "Airosin-Färbung") ist eine Sensation und führt zur weltweiten Anerkennung.

1900 schenkt Max Levy der Stadt ein Krankenhaus, das "Charlottenstift" - benannt nach seiner zweiten Ehefrau, 1910 folgt ein Kindergarten und 1912 der Sitzungssaal im neuen Rathaus.

Oscar Wolff hat zuvor, 1906, den Kellbergturm gestiftet.

Die "Adolf-Wolff-Stiftung" ermöglicht finanzielle Hilfen; die "Gertrud-Wolff-Stiftung" kostenlose Behandlung für Bedürftige im Charlottenstift.

 

1914 steigt die Zahl der Beschäftigten in den Steinbrüchen und in der Weberei insgesamt auf 1.350 (zum Vergleich: die Einwohnerzahl von Stadtoldendorf im Jahr 1914 beträgt 3.728).

 

Ephraim Rothschilds Name bzw. die Namen seiner weitverzweigten Familie gelten als Synonym für den Fortschritt der Stadt Stadtoldendorf. Sie sind engverbunden mit bzw. maßgeblich verantwortlich für ein außerordentliches Engagement bezüglich der technischen und sozialen Infrastruktur dieser Stadt.

 

Ephraim Rothschilds Grab wie auch die Gräber seiner Familie finden Sie auf dem hiesigen jüdischen Friedhof.

Auf seinem Grabstein ist zu lesen: "Sein rastloses Streben, Gutes zu thun und das Wohl seiner Mitmenschen zu fördern, sichern ihm ein unvergessliches und gesegnetes Andenken."

 

Meine sehr geehrten Damen und Herren, vor gut einer Woche bin ich gebeten worden, hier, heute Abend ein paar Worte an Sie zur richten. Daraufhin - also vor gut einer Woche - kontaktierte ich Richard Wolff, David Matzdorf und Tom Schuster. Richard ist der Enkel von Richard Wolff, David (ist) der Enkel von Wilhelm Matzdorf und Tom (ist) der Fünffach-Urenkel von Ephraims Bruder Joseph Rothschild.

Tom besuchte im April 2009, auf seiner Reise in die Archive, Stadtoldendorf für wenige Stunden: Stationen waren dabei der jüdischen Friedhof und das Heimatmuseum. Tom lebt in den USA, zeitweilig aber auch in Deutschland. Wäre er rechtzeitig eingeladen worden, so hätte er heute Abend teilgenommen. Er begrüßt ausdrücklich die jüngere Erinnerungskultur und ist heute in Gedanken bei uns - so seine Worte. Auch Richard wäre, hätte er die Chance einer Planung gehabt, heute Abend hier. Gestern hat er, als Mitglied des Stadtrates, einen Vortrag vor der jüdischen Gemeinde in Zürich gehalten; heute hält er eine Rede über die Bedeutung der "09.11." (neunten November) in der Geschichte. Er hätte ganz sicher auch zu uns gesprochen.

 

Meine sehr geehrten Damen und Herren, viele Mitbürger wissen nichts über den von mir beschriebenen Teil unserer Geschichte; viele Mitbürger wollen nichts darüber wissen und leider allzu viele - und es scheinen immer mehr zu werden - meinen, etwas ganz anderes zu "wissen": sie verklären, sie verdrehen, sie reißen aus dem Zusammenhang, sie relativieren, sie behaupten und sie leugnen. Sie sind aktuell unterwegs als "besorgte Bürger" oder nennen sich "Patrioten" - aber das sind sie nicht! Sie favorisieren "Aber-Sätze":

"ich habe nichts gegen Ausländer, aber…", "ich habe nichts gegen Flüchtlinge, aber…", "ich habe nichts gegen Juden, aber…" Konfrontiert man sie, wie viele Ausländer, Flüchtlinge, Juden sie denn eigentlich (persönlich) kennen, so erntet man Schweigen! In den sozialen Netzwerken, im Internet toben sie sich aus - und nicht nur dort. Ein Prozess seit vielen Jahren. Vor zehn Jahren wären ihre Kommentare noch undenkbar gewesen. Ihre rassistischen, menschenverachtenden Kommentare sind voller Hass und Selbsthass. Sie berufen sich auf die Meinungsfreiheit, nur, um jene ständig zu missbrauchen. Sie lügen von der "Lügenpresse", dabei findet ein politischer, gesellschaftlicher Diskurs längst statt. Enttäuscht, folgen sie Verschwörungstheorien. Sie bevorzugen einfache Lösungen; sie können bzw. wollen nicht reflektieren, argumentieren oder diskutieren.

 

Die aktuelle Flüchtlingsproblematik betrachtend, scheint Deutschland, scheint die deutsche Gesellschaft mittlerweile gespalten; die Demokratie ist gefährdet. Europa, der europäische Gedanke, zerfällt in Nationalismen, in Autokratie: siehe Ungarn und Polen.

 

Selbstverständlich kann Deutschland nicht allein die Welt retten - es spricht aber nichts dagegen, es zumindest in Teilbereichen zu versuchen! Selbstverständlich ist die Aufnahmefähigkeit von Flüchtlingen begrenzt, wie auch die Integrationsfähigkeit der Gesellschaft. Es ist wenig hilfreich, zu sagen "wir schaffen das" und die Behörden, die Ehrenamtlichen im Regen stehen zu lassen, Ehrenamtliche, die als Gutmenschen verspottet wurden und werden; es ist wenig hilfreich, Flüchtlinge gegeneinander auszuspielen, auch ist es wenig hilfreich, sich parteipolitisch zu gebärden, Gesetze zur eigenen Beruhigung zu verschärfen und sich in kreativen Wortschöpfungen zu verlieren.

Auch hat man all die Jahrzehnte versäumt, die Bevölkerung bzgl. Einwanderung vorzubereiten bzw. mitzunehmen.

 

Dessen ungeachtet: Deutschland ist aufgrund seiner Geschichte besonders verpflichtet, Menschen in Not zu helfen. Nie wieder darf zugelassen werden, eine Minderheit zum Sündenbock zu stempeln.

Sicher, Schuld und Leid sind individuell; die Erinnerung an das Schicksal der jüdischen Mitbürger, an die Verbrechen der NS-Zeit sollten, besser: müssen kollektiv sein. Jenen, die die Konfrontation mit der historischen Wahrheit scheuen, sind sofort die Augen zu öffnen!

Daher ist jeder einzelne von uns verpflichtend aufgerufen, jeder Form, jedem Ansatz von Antisemitismus, von Rassismus, von Fremdenfeindlichkeit, von Diskriminierung umgehend und überall entschieden zu begegnen. Dies sind wir den Opfern schuldig!

 

Die Benennung des Synagogenplatzes nach Ephraim Rothschild ist ein wichtiges und eindeutiges Zeichen, ist ein weiterer Baustein gelebter und geglückter Erinnerungskultur in Stadtoldendorf! Die Ehrung mag spät erfolgen - wie so manches -, aber vielleicht doch genau zur richtigen Zeit?!

 

Und: heute, genau in 77 Jahren und darüber hinaus?

Ich wünsche mir sehr und hoffe sehr, dass sich Menschen erinnern werden!

 

Enden möchte ich mit einem Zitat von Gila Lustiger, das ich in Richards Antwort fand. Gila Lustiger ist eine deutsche Schriftstellerin, ihr Vater überlebte den Holocaust, sie ist - wie ich - 1963 geboren und in Frankfurt a.M. aufgewachsen. Sie lebt seit fast 30 Jahren in Paris und bei einer Preisverleihung sagte sie Folgendes:

 "Lassen Sie mich bitte noch eine letzte Bemerkung machen. Nach Kriegsende irrten zehn Millionen Displaced Persons durch Europa: Zwangsarbeiter, Kommunisten, Widerständler, Homosexuelle, Sinti, Roma und Juden, die inhaftiert und deportiert worden waren und meistens auch die Lager und Todesmärsche überlebt hatten. Ich möchte nun keine direkten Parallelen ziehen und doch muss folgendes betont werden: Ohne die Entscheidung der Alliierten, diese Menschen zu versorgen, ihnen ein Dach, Kleidung und Nahrung zu verschaffen, ihre Familien zusammenzuführen, Schulen, Waisenheime und Camps zu errichten, ohne ihre Einsicht, dass der Krieg nach Kriegsschluss noch lange nicht zu Ende war, dass man sich als Sieger und als Mensch um die Opfer zu kümmern habe und um die Verlierer, wären die Überlebenden, darunter meine Familie, wohl gestorben. Dieser Gemeinschaftsgeist soll und kann uns allen heute in Europa ein Beispiel sein!"

 

In diesem Sinne: ich danke Ihnen sehr für Ihr Erscheinen, für Ihre Geduld und Ihre Aufmerksamkeit."

 

© Jens Meier, 2015